Der globale Emissionstransfer

Warum die EU-Klimabilanz nicht die handelspolitische Wahrheit sagt

Von Thomas Fritz

November 2019

 

Die EU-Bilanz der Treibhausgasemissionen ist erheblich geschönt. Denn unberücksichtigt bleiben die riesigen Nettoimporte von Emissionen. Würden die dreckigen Lieferketten europäischer Konzerne offiziell bilanziert, müssten die EU-Reduktionsziele weit höher ausfallen.

Die Europäische Union ist stolz wie Bolle auf ihre Klimabilanz. In ihrem jüngsten Inventarbericht, den sie im Mai 2019 beim Sekretariat der UN-Klimarahmenkonvention ablieferte, meldete sie Vollzug. Ihr Minderungsziel der Treibhausgasemissionen, zu dem sie sich im Rahmen des Kyoto-Protokolls verpflichtete, könnte sie danach sogar übertreffen.

Für die zweite Periode des Kyoto-Protokolls sagte die EU zu, ihre Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent gegenüber denen des Jahres 1990 zu senken. In ihrem Inventarbericht sieht sich die EU auf gutem Weg: Die gesamten Treibhausgasemissionen sanken zwischen 1990 und 2017 um 23,5 Prozent.

Beim wichtigsten Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) - auf das entfallen 81 Prozent der EU-Emissionen - habe die Minderung 21 Prozent betragen. Ein toller Erfolg, könnte man meinen.

Schmutzige Lieferketten

Doch die EU profitiert in besonderem Maße von der international vereinbarten Methodik der Emissionsbilanzierung, die ihr Klimakonto erheblich schönt. Denn in die Bilanzen, die bei der Klimarahmenkonvention gemeldet werden, gehen nur die Emissionen ein, die im Gebiet des berichtenden Staates oder Staatenbunds anfallen. Diese Methodik nennen die KlimaforscherInnen territoriale Bilanzierung.

Das Problem aber: Bei der territorialen Treibhausgasbilanz fallen jene Emissionen raus, die bei der Erzeugung und dem Transport von importierten Waren und Dienstleistungen anfallen. Das begünstigt die EU, denn sie importiert besonders viele Emissionen, vor allem seit ihre Konzerne große Teile der Produktion in Billiglohnländer auslagerten.

Diese Auslagerungen aber sind ein großer Treiber der Erderwärmung, da sie vielfach in solche Länder erfolgten, in denen nicht nur die Löhne niedrig waren, sondern auch die Umweltauflagen.

Die globale Emissionsverschiebung durch Konzerne - im Englischen "leakage" genannt - trug erheblich dazu bei, dass Entwicklungs- und Schwellenländer in ihrer Gesamtheit seit Mitte der 2000er Jahre mehr Treibhausgase emittierten als die Industriestaaten (siehe Grafik). 

Allerdings: Trotz dieser Verlagerung blieben die Pro-Kopf-Emissionen in den meisten Entwicklungsländern weit niedriger als in Industriestaaten wie den USA oder Deutschland. Die wichtigste Ausnahme von dieser Regel ist China, dessen Kohlendioxidemissionen pro Kopf mittlerweile jene der EU erreicht haben (siehe Grafik).

Klimakiller Lohnveredelung

Um Lohnkosten einzusparen, errichteten transnationale Konzerne zahlreiche Produktionsstätten in China - meist als Joint Venture mit dortigen Unternehmen. Auslöser dieser Investitionsschwemme war der Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2001. Seither nahmen die Direktinvestitionen ausländischer Konzerne im Reich der Mitte massiv zu.

Dabei verwandelte sich China nicht nur zur Werkstatt der Welt, sondern auch zum größten Nettoexporteur von CO2-Emissionen (siehe Grafik). Das heißt: China exportiert weit mehr Emissionen als es importiert. In seiner Klimabilanz schlägt vor allem zu Buche, dass die Energieversorgung der chinesischen Industrie in großem Maße auf der Verbrennung der besonders dreckigen Kohle beruht.

Doch der Blick auf den weltweiten Nettotransfer der Treibhausgase stellt vor allem für die EU einen äußerst wunden Punkt dar. Denn er zeigt: Die EU ist der weltweit größte Nettoimporteur von CO2-Emissionen, noch weit vor den USA. Das Selbstbild vom Vorreiter beim Klimaschutz würde wie ein Kartenhaus zusammenbrechen, wenn der EU die importierten Emissionen angelastet werden müssten.

Ein Drittel der deutschen Emissionen unberücksichtigt

Die Größenordnungen der methodischen Bilanzschönung sind beträchtlich. Daten der OECD etwa zeigen, dass in den vergangenen Jahren rund ein Viertel der gesamten CO2-Emissionen der Endnachfrage in der EU auf importierte Emissionen entfällt (siehe Grafik).

Im Fall der deutschen Endnachfrage liegt der Anteil der importierten an den Gesamtemissionen sogar noch höher. Er belief sich laut OECD in den letzten Jahren auf rund 33 Prozent (siehe Grafik).

Würden also die von der EU bei den Vereinten Nationen abgelieferten Klimabilanzen die handelspolitische Wahrheit sagen, käme ein ernüchternder Befund zustande. Die behauptete Senkung der CO2-Emissionen um 21 Prozent ist offenbar geringer als die von der EU alljährlich netto importierten Emissionen. Diese aber dürfen bei der bisherigen Bilanzmethodik unberücksichtigt bleiben.

Das große Tabu: Handel und Klima

Bereits 2011 stellte daher ein Forscherteam das Konzept einer konsumbasierten CO2-Bilanz vor, die - ähnlich wie die spätere Untersuchung der OECD - die Nettoimporte von Emissionen berücksichtigt. Das Team um den Klimaforscher Glen P. Peters warnte schon damals, dass die durchschnittlichen Emissionssenkungen der Industrieländer weit niedriger ausfallen als ihre Nettoimporte aus den Entwicklungs- und Schwellenländern. Dieser Befund hat bis heute Bestand.

Würden der EU ihre ins Ausland verlagerten Emissionen angelastet, müsste ihr Beitrag zur globalen Emissionsreduktion deutlich höher ausfallen. Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass die Europäische Kommission bei den UN-Klimaverhandlungen jegliche Thematisierung des Welthandels bekämpft, wie ein im Dezember 2015 - wenige Tage vor der Klimakonferenz von Paris - durchgesickertes EU-Dokument belegt. Der Vorgang zeigt einmal mehr: Für die EU genießt der Freihandel unverändert Vorrang vor dem Klimaschutz.

 

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