Großer Sprung nach vorn? Entwicklungsländer auf dem Weltmarkt

What's new, economy? Die Transformation der Weltwirtschaft

Dieser Artikel erschien in leicht gekürzter Form in dem Sammelband von Stefan Frank (Hrsg.):

What's new, economy? Die Transformation der Weltwirtschaft

KONKRET Texte 44, Hamburg 2007

ISBN 978-3-930786-51

 

 

Großer Sprung nach vorn?

Entwicklungsländer auf dem Weltmarkt

Thomas Fritz

Zu Beginn der 1970er Jahre schien sich die Götterdämmerung der westlichen Weltordnung anzukündigen. Im Schatten der Blockkonfrontation erhoben sich die Habenichtse der kapitalistischen Peripherie: In Vietnam fügten sie den USA eine Niederlage nach der anderen zu, in Afrika brachten sie die letzten Bastionen des europäischen Kolonialismus zu Fall und in Lateinamerika probten linke Guerilleros den Aufstand. Als das OPEC-Kartell 1973 die Ölwaffe einsetzte und die Förderung drosselte, sorgte es für eine effektvolle Demonstration der Gegenmacht. Die Blockfreien-Bewegung der entkolonisierten Staaten sah sich im Aufwind. Unter dem Banner der „neuen Weltwirtschaftsordnung“ verlangte sie Entschuldungen, Enteignungen und Stabilisierungsfonds gegen den Verfall der Rohstoffpreise. Gleichwohl sollte die kämpferische Aufbruchstimmung nicht lange währen.

Demontage der Nachkriegsordnung

Zunächst aber zeigten sich immer mehr Risse im westlichen Lager. Die Exportoffensiven der japanischen und deutschen „Spätentwickler“ stürzten die US-Wirtschaft Anfang der 70er Jahre in eine tiefe Profitabilitätskrise. Verstimmt trat das Investitionskapital die Flucht auf die Finanzmärkte an und lief massenhaft in die sicheren Häfen der City von London und anderer Steueroasen ein. Zusätzlich weckten die hohen Militärausgaben Zweifel an der Stabilität der Golddeckung: Würden die USA tatsächlich alle ihnen angebotenen Dollars in Gold umtauschen können? Anleger bekamen kalte Füße und schichteten in DM und Yen um. Mit dem folgenden Dollarverfall läuteten die Totenglocken für das Nachkriegssystem fixierter Wechselkurse. 1973 wurde es eingeäschert. Seine Fortführung hätte für die Vereinigten Staaten eine Dollaraufwertung, strikte Haushaltsdisziplin und einen harten Anpassungsprozess bedeutet – eine Roßkur, der sie sich nicht unterwerfen wollten.

Stattdessen optierten sie für die Verlängerung des Vietnam-Kriegs und die schuldenfinanzierte Wiederherstellung ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Die Rezeptur umfasste billiges Geld, niedrige Kreditzinsen und einen schwachen Dollar. Doch diese Strategie unterminierte die Hegemonie der USA nur noch weiter. Auch nachdem sie sich 1975 aus Vietnam zurückgezogen hatten, sanken die Wachtumsraten unaufhaltsam und ebenso beharrlich stieg die Inflation. Nicht zuletzt drohte ein weiterer Bedeutungsverlust des Dollars, denn dank des florierenden Ölgeschäfts der Golfstaaten schwoll das Kreditangebot ausserhalb der USA beständig an.

Die entscheidende Wende leitete 1979 der Vorsitzende der US-Zentralbank Paul Volcker ein. Die „Federal Reserve“ verknappte das Geld, trieb die Zinsen hoch und setzte damit das monetaristische Anpassungsprogramm in Gang, das unter Ronald Reagan fortgesetzt wurde und seither Nachahmer in aller Welt fand. Wie der Weltsystemtheoretiker Giovanni Arrighi schreibt, „lebte die private Hochfinanz als Kommandozentrale der globalen Wirtschaft wieder auf“. Die US-Regierung wandelte sich von einer Konkurrentin der Finanzindustrie zu deren Unterstützerin. Sie deregulierte den Kapitalmarkt und schuf ähnliche günstige Voraussetzungen für Geldgeschäfte wie sie all die Steueroasen bereits boten.

Der „Volcker-Schock“ entfachte einen aggressiven Wettbewerb um knappes Geld, der zu einem gewaltigen Umschwung internationaler Finanzströme führte. Innerhalb kurzer Zeit verwandelten sich die USA von der bedeutendsten Quelle von Liquidität zum weltgrößten Schuldner. Dank hoher Zinsen zogen sie Kapital aus aller Welt an, was den Ausgleich ihres steigenden Handelsdefizits erlaubte. Bis in die jüngste Vergangenheit flossen Anlagegelder zu immer höheren Anteilen in die Vereinigten Staaten: 1992 empfingen sie bereits 25 Prozent der globalen Kapitalexporte; 1995 steigerte sich diese Rate auf 40 Prozent und 2005 auf 70 Prozent.

Doch für die Länder der Peripherie verwandelte sich die Kapitalflut der 70er Jahre zur plötzlichen Ebbe der 80er. Seinen manifesten Niederschlag fand dieses finanzielle Ausbluten 1982: Nachdem zunächst Mexiko aufgrund der gestiegenen Zinslasten seine Kredite nicht mehr bedienen konnte, schnappte in immer mehr Ländern die Schuldenfalle zu. Kapitalflucht setzte ein, Währungen verfielen und die Inflationsraten galoppierten davon. Die Realzinsen waren in den 80er Jahren sechsmal höher als noch in der zweiten Hälfte der 70er Jahre. Für manche Geschäftsbanken entwickelte sich die Pleite der lateinamerikanischen Großschuldner zur Existenzfrage.

Angesichts des Risikos für das internationale Finanzsystem geriet die Krise Afrikas aus dem Blick. Zwar lag der afrikanische Anteil an den Gesamtschulden der Dritten Welt bei weniger als 10 Prozent, aufgrund des ungünstigeren Verhältnisses zwischen Auslandsschuld und Wirtschaftskraft erwiesen sich die ökonomischen und sozialen Folgen hier aber als wesentlich gravierender als in anderen Regionen der Peripherie.

Konterangriff des Westens

Der Westen nutzte die Schuldenkrise zum Konterangriff. Sein Schuldenmanagement, dessen Konditionen die G7-Staaten über die Jahre modifizierten, machte dem Spuk von der „neuen Weltwirtschaftsordnung“ ein Ende. In demütigenden Verfahren mussten die Schuldner seither beim Pariser Club der Gläubigerstaaten vorsprechen, um Stundung zu erbitten. Viele von ihnen wurden Dauergäste, denn komplette Schuldenstreichung gab es nie. Umschuldung und Neukredite gewährten die Gläubiger nur, wenn Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) grünes Licht gaben. Dazu mussten die Schuldner in Strukturanpassungsprogramme einwilligen, die eiserne Sparpolitik, Marktöffnung, Privatisierungen und die Freigabe des Kapitalverkehrs verlangten. Kehrseite waren Sozialabbau, zerstörerische Konkurrenz und immer häufigere Finanzkrisen.

Mit der Schuldenkrise schlug die Stunde der Schnäppchenjäger. Nachdem die Großbanken ihre faulen Dritte-Welt-Kredite bereits steuerlich abgeschrieben hatten, erschlossen sie sich mit dem Schuldtitelhandel ein lukratives Zusatzgeschäft. Bedeutendstes Instrument waren die „debt-to-equity swaps“. Mit Abschlag kauften transnationale Konzerne den Banken ihre Forderungen ab und lösten diese bei den Schuldnerregierungen gegen Unternehmensbeteiligungen ein. Billiger konnten sie sich kaum in den entwerteten Kapitalstock der Dritten Welt einkaufen: Chilenische Schuldscheine gingen für 70 Prozent ihres Nennwerts über den Tisch, philippinische für 60 Prozent und bolivianische für 10 Prozent.

Die Schuldenkrise führte in den Folgejahren zu einer erheblich riskanteren Zusammensetzung der Kapitalströme in den Süden. An die Stelle langfristiger Bankkredite traten zunehmend kurzfristige Kredite und leicht handelbare Wertpapiere wie Aktien oder Anleihen. Das aber erhöhte die Verwundbarkeit der Kreditnehmer, wie der Reigen von Enwertungskrisen in den 90er Jahren zeigte: die mexikanische „Peso-Krise“ 1994, die Asienkrise 1997/98, das russische Schuldenmoratorium 1998 und der brasilianische Währungscrash Anfang 1999. In allen Fällen gingen der Kapitalflucht internationaler Anleger und der Abwertung der Währungen kräftige Erhöhungen des internationalen Zinsniveaus voraus.

Der marxistische Wirtschaftsgeograph David Harvey betont, dass die G7-Staaten die von ihnen beherrschten internationalen Finanzinstitutionen dabei zur effektiven „Abstimmung der Entwertungen“ nutzten, „ohne einen allgemeinen Zusammenbruch auszulösen“. Tatsächlich gelang es den G7 mit immer größeren Rettungspaketen, die Finanzkrisen regional zu begrenzen und eine „Ansteckung“ der kapitalistischen Metropolen zu verhindern. Das durch Kapitalflucht gebeuteltete Südkorea etwa erhielt 1998 das bis dato größte IWF-Kreditpaket: 57 Milliarden Dollar. Brasilien kam in den Genuss von 41 Milliarden Dollar. Transnationale Konzerne wiederum nutzten die Gunst der Stunde und schluckten viele der angeschlagenen Unternehmen der Krisenländer. Einen „zweiten Opium-Krieg“ nannten Kommentatoren in Asien die bis dahin beispiellose Übernahmewelle.

Die Spaltung der Peripherie

Unter dem Druck von Auslandsverschuldung und Strukturanpassung wechselte die politische Klasse im Süden seit den 80er Jahren ins neoliberale Fahrwasser. Binnenwirtschaftlich verordnete sie restriktive Geldpolitik, Haushaltskürzungen und den Rückzug des Staates, außenwirtschaftlich vollzog sie die radikale Öffnung zum Weltmarkt. Handelsschranken wurden gesenkt, ausländische Investitionen angelockt und der Export forciert. Zwar gelang es vielen Großschuldnern, ihre Inflation unter Kontrolle zu bringen und ein gewisses Konsumniveau für die Oberschichten zurückzugewinnen, die Liberalisierung aber zeichnete für den Verlust an wirtschaftlicher Steuerung, die subalterne Einbindung in globale Produktionsnetzwerke und die erhöhte Anfälligkeit gegenüber externen Schocks verantwortlich.

Der Standortwettbewerb zerstörte alle früheren Visionen einer solidarischen Süd-Süd-Kooperation, wie sie etwa der tansanische Präsident Julius Nyerere mit seinem Konzept der „collective self-reliance“ formulierte. Da der Wettbewerb nicht nur Gewinner kennt, tat sich eine immer größere Kluft innerhalb der Peripherie auf. Die gewaltigen Kapitalzuflüsse in die USA erlaubten den Amerikanern den massenhaften Import billiger Güter, die ihre Firmen nicht mehr profitabel erzeugen konnten. Während manche ostasiatische Länder die gestiegene US-Nachfrage zu bedienen verstanden, gerieten ihre Konkurrenten in Afrika und Lateinamerika immer mehr ins Hintertreffen.

Zwischen 1973 und 2003 steigerten China und die sechs südostasiatischen „Tigerstaaten“ ihren Anteil an den Weltexporten von 4,4 auf 16 Prozent. Dagegen stagnierte Lateinamerikas Stück am Exportkuchen bei rund 5 Prozent, während sich der afrikanische Anteil von 4,8 auf 2,4 Prozent halbierte. Besonders Subsahara-Afrika wurde ökonomisch zunehmend abgehängt: Von 1965 bis 2004 fiel hier die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung von 17 Prozent des Weltdurchschnitts auf 9,7 Prozent. Legt man qualitative Maßstäbe zugrunde, trübt sich das Bild weiter ein: So gehen über 20 Prozent der lateinamerikanischen Exporte auf das Konto der Schwitzbuden (sogenannte „Maquiladoras“), die sich an der mexikanischen Nordgrenze als verlängerte Werkbänke der US-Industrie ansiedelten.

Diese Ausdifferenzierung der Peripherie geht allerdings auch auf das koloniale Erbe und die mit sehr unterschiedlichem Erfolg praktizierten Strategien importsubstituierender Industrialisierung nach dem zweiten Weltkrieg zurück. Zu den Bausteinen der Importsubstitution gehörten hohe Zollmauern, die Stärkung der Binnenmärkte und die Förderung einer diversifizierten Industrie. Während die Adaption dieses Instrumentariums in Ostasien zu gewissen wirtschaftlichen Erfolgen führte, blieben diese in Lateinamerika und Afrika weitgehend aus.

Ostasien verfügte über Rahmenbedingungen, die die industrielle Entwicklung begünstigten: die historisch relativ weit entwickelte Staats- und Nationenbildung, der hohe Überschuss an Arbeitskräften, das in vielen Ländern traditionell verbreitete Unternehmertum und nicht zuletzt die bedeutenden Netzwerke der chinesischen Diaspora. In Südkorea oder Taiwan konnte der Staat geradezu mustergültig die ihm einst von Friedrich Engels zugewiesene Rolle des „ideellen Gesamtkapitalisten“ spielen: Partialinteressen verschiedener Kapitalfraktionen unterwarf er einer kohärenten Industrialisierungsstrategie.

In Lateinamerika dagegen verhinderten Großgrundbesitzer und urbane Unternehmerklassen eine solche Entwicklung. Erfolgreich blockierten sie Umverteilungen und Landreformen, verteidigten ihre Privilegien und rollten ausländischen Investoren den roten Teppich aus. Der argentinische Ökonom Enrique Arceo resümiert: „In der Konsequenz war die für Südostasien charakteristische relative Autonomie des Staates in Lateinamerika nicht existent.“

Im dekolonisierten Afrika blieben die Staaten ebenfalls zu schwach für die Förderung eines lokalen Unternehmertums. Zudem litt der Kontinent bis weit in die Nachkriegsära an einem chronischen Arbeitskräftemangel – eine Spätfolge des Sklavenhandels. Zwischen 1650 und 1920 schrumpfte der afrikanische Anteil an der Weltbevölkerung beträchtlich. Während in diesem Zeitraum die Bevölkerung in Afrika lediglich von 100 auf 140 Millionen Menschen wuchs, vervierfachte sie sich in Europa und Asien. Der Sklavenhandel und der europäische Kolonialismus entvölkerten ganze Landstriche, zerstörten produktive Kapazitäten und zerrissen lokale Märkte.

Aufgrund der verfestigten Produktionsstrukturen blieben Afrika und Lateinamerika in der gesamten Ära der Importsubstitution sehr stark von Technologieimporten abhängig, während ihre Exporteinnahmen durch die verfallenden Rohstoffpreise beständig schrumpften. Ihre Handelsdefizite ließen sich nur noch durch den steigenden Zustrom ausländischen Kapitals ausgleichen. Dies ging aber nur solange gut, wie die internationalen Kreditzinsen niedrig waren. Die Hochzinspolitik der Reagan-Administration bereitete der Politik des billigen Geldes schließlich ein drastisches Ende.

Gemeinsam stark? Regionale Integration

Der Umschwung von der Importsubstitution zur Weltmarktintegration veränderte auch den Charakter der verschiedenen Integrationsprojekte im Süden. Seither dienen Regionalbündnisse wie SADC im südlichen Afrika, ASEAN in Südostasien oder der MERCOSUR in Südamerika weniger der Binnenentwicklung denn internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Unter dem Slogan des „offenen Regionalismus“ betrachten die Regierungen ihre Zusammenschlüsse nur noch als Zwischenschritt zur Weltmarktintegration. Statt der regionalen Binnennachfrage rückt die Befriedigung der Weltmarktnachfrage ins Zentrum.

Allerdings erreichten die meisten Südblöcke bisher nur eine geringe Integrationstiefe oder sind gleich ganz im Einigungsprozess steckengeblieben. Als am weitesten fortgeschritten gilt der 1991 gegründete MERCOSUR. Ihm gehören Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay und seit vergangenem Jahr auch Venezuela an. Aber auch dieses Bündnis ist bisher nicht über eine Zollunion, d.h. gemeinsame Außenzölle, hinausgekommen. Von einem gemeinsamen Markt oder gar einer Währungsunion ist der MERCOSUR noch weit entfernt.

Für seine Mitglieder ist der Weltmarkt nach wie vor von größerer Bedeutung. Dies liegt vor allem an der Ähnlichkeit ihrer auf Rohstoffe konzentrierten Exportpalette und der Krisenanfälligkeit des intraregionalen Handels. 1998 exportierten die MERCOSUR-Staaten 25 Prozent ihrer Waren innerhalb dieses Integrationsblocks – ein Spitzenwert. Bis 2002 jedoch stürzte diese Quote wieder auf 11 Prozent ab. Zum Vergleich: Im selben Jahr verblieben rund 62% der EU-Exporte innerhalb der Europäischen Union.

Die mangelnde Währungskooperation fördert die Krisenanfälligkeit. So führten disparate Wechselkursentwicklungen zu großen Spannungen: Während der brasilianische Real seit der Krise von 1999 stark abwertete, blieb der argentinische Peso noch bis 2001 an den Dollar gekoppelt. In dieser Phase überschwemmten die extrem verbilligten brasilianischen Waren den argentinischen Markt und verschärften die dortige Rezession. Im Dezember 2001 schließlich kollabierte Argentiniens Ökonomie.

Zudem unterminieren EU und USA eigenständige Integrationsbestebungen in der Peripherie. Während das seit 2006 auf Eis liegende US-Projekt einer panamerikanischen Freihandelszone (ALCA) bestehende Bündnisse wie den MERCOSUR praktisch erodiert hätte, geht die Europäische Union ganz ähnlich mit der sogenannten AKP-Gruppe um. Dabei handelt es sich um 75 afrikanische, karibische und pazifische Staaten, vielfach ehemalige europäische Kolonien, denen die Westeuropäer 1975 im Rahmen der Lomé-Verträge präferenzielle Marktzugänge zubilligten.

Bis 2008 aber will die EU das Präferenzsystem durch neoliberale Freihandelsverträge ersetzen. Ungeachtet existierender Integrationsblöcke zerschlägt sie die AKP-Gruppe in fünf Großregionen, mit denen sie jeweils ein sogenanntes „Wirtschaftspartnerschaftsabkommen“ aushandelt. Die aus 14 Staaten bestehende südafrikanische Entwicklungsgemeinschaft SADC wird dabei komplett zerpflückt: Deren Mitglieder verteilt die EU auf drei verschiedene „Partnerschaftsabkommen“. Ein Teil verhandelt an einem südafrikanischen, ein anderer Teil an einem südostafrikanischen EU-Abkommen. Die Demokratische Republik Kongo schließlich schlägt die EU der zentralafrikanischen Verhandlungsgruppe zu.

Hinzu kommt, dass die „Partnerschaftsabkommen“ nach dem Willen der EU den Anforderungen der Welthandelsorganisation WTO an Regionalverträge entsprechen sollen. Die WTO verlangt von allen Beteiligten die Übernahme „reziproker“ Marktöffnungsverpflichtungen und die Liberalisierung sämtlicher Wirtschaftssektoren. Im Klartext: Die AKP-Länder müssen ihre Märkte im gleichen Maße öffnen wie die EU – ungeachtet des eklatanten Entwicklungsrückstands gegenüber der europäischen Industrie. Derartige Verträge werden auch in Zukunft Garanten ungleicher Entwicklung sein.

Forschendes Zentrum – fertigende Peripherie

Die weltwirtschaftliche Verflechtung stellt sich nicht nur über die Zirkulation von Geld und Waren her, sondern in immer stärkerem Maße durch international vernetzte Produktion. Die „disziplinierende Wirkung“ der Finanzmärkte hat dazu kräftig beigetragen. Unter dem Rentabilitätsdruck institutioneller Anleger verwandelten sich die unprofitablen Industriekolosse der „fordistischen“ Massenproduktion wie Ford, General Motors, IBM oder Siemens seit den 80er Jahren in weltweit operierende, flexible Produktionsnetzwerke.

Fortan konzentrierten sie sich auf die wertschöpfungsreichen „Kernkompetenzen“ wie Forschung, Entwicklung, Design und Vermarktung, während sie die direkte Eigentümerschaft über „Randfunktionen“ wie Montage, Dienstleistungen oder Produktion abstießen. Damit veränderte sich auch die internationale Arbeitsteilung. Diverse Länder in Asien, Lateinamerika und im südlichen Afrika integrierten sich seither in die mehrstufigen Produktionsnetzwerke. Für multinationale Zulieferer der Auto- oder Elektroindustrie montieren sie heute PKWs oder integrierte Chips und als abhängige Lizenznehmer fertigen sie die patentierten Medikamente der Pharmaindustrie.

Die Einbindung in die „postfordistische“ Produktion hat durchaus Spuren hinterlassen. In den Entwicklungsländern stieg der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt von 18 Prozent im Jahr 1980 auf 24 Prozent im Jahr 2000. Allerdings finden sie sich noch immer am unteren Ende der Wertschöpfungshierarchie wieder, denn eifersüchtig verteidigen die Markenfirmen ihre privilegierte Stellung an der Spitze. Unter Rückgriff auf das „geistige Eigentumsrecht“ verhindern sie den Abfluss ihres Wissens in die Produktionsnetzwerke, sei es das PKW-Design oder das Computerprogramm. „Chain Management“ nennen Betriebswirte die Absicherung dieser Profitratenhierarchie mit dem forschenden Zentrum am oberen und der fertigenden Peripherie am unteren Ende.

Bisher war das „Kettenmanagement“ überaus erfolgreich: Im Nord-Süd-Verhältnis führten die globalen Produktionsnetzwerke noch zu keiner nennenswerten technologischen Konvergenz. Daten der Vereinten Nationen stimmen skeptisch, dass sich dies so rasch ändert: 94 Prozent der von Unternehmen getätigten Forschungs- und Entwicklungsausgaben, 86 Prozent der Patentanmeldungen und 97 Prozent der Erträge aus Lizenzgebühren konzentrieren sich auf Industrieländer. Trotz des enormen wirtschaftlichen Wachstums vor allem Indiens und Chinas existiert offensichtlich eine unverändert tiefe technologische Kluft.

Prekäre Stabilisierung für die einen ...

Viele der einstigen Krisenländer vermögen das gegenwärtige günstige Umfeld mit vergleichsweise niedrigen Zinsen und hohen Rohstoffpreisen für sich zu nutzen. Sie stabilisieren ihre leicht unterbewerteten, mehr oder minder eng an den Dollar gekoppelten Währungen, erwirtschaften ansehnliche Handelsüberschüsse und akkumulieren teils hohe Devisenreserven. Damit emanzipieren sie sich auch von der neoliberalen Dogmatik, die unbeirrt Freigabe des Kapitalverkehrs und der Wechselkurse predigt. Manchen Ländern gelang es gar, ihre Schulden beim IWF komplett zu tilgen.

China steht geradezu paradigmatisch für diese neue Politik. Ihre wichtigsten Elemente: ein leicht unterbewerteter, mit einer geringen Schwankungsbreite von 0,5 Prozent an den Dollar gekoppelter Yuan, hohe bilaterale Handelsüberschüsse mit den USA und der EU sowie die weltgrößten Devisenreserven. Im November 2006 überschritten sie die Marke von einer Billion Dollar, mittlerweile liegen sie bei 1,2 Billionen. Vor allem in den USA ist das Jammern groß, nachdem 2006 das Handelsdefizit mit dem Reich der Mitte auf 233 Milliarden Dollar kletterte. Auch die EU beschwert sich: Ihr bilaterales Defizit mit den Chinesen addierte sich im selben Jahr auf 168 Milliarden Euro.

Politiker beiderseits des Atlantiks versteigen sich derweil zu der Forderung, China solle seinen Wechselkurs freigeben. Durch Währungsmanipulation und Kapitalverkehrskontrollen halte es den Yuan künstlich niedrig und verschaffe seiner Exportwirtschaft einen illegitimen Wettbewerbsvorteil. Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück etwa meinte, im Kreise der G7 herrsche „große Übereinstimmung, dass die Wechselkurse sich marktbasiert entwickeln sollen“. Der orthodoxe US-Ökonom Fred C. Bergsten schlug in die gleiche Kerbe und warnte vor der Ausbreitung der chinesischen Niedrigkurs-Politik: Aus Furcht, ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der Volksrepublik einzubüßen, würden sich auch asiatische Nachbarn wie Indien, Taiwan oder Malaysia weigern, ihre Währungen aufzuwerten.

Derlei Klagen ignorieren, dass das deregulierte Weltwirtschaftssystem seiner Peripherie kaum andere Stabilisierungsoptionen lässt. Für Entwicklungsländer wäre eine interventionistische Währungspolitik bereits seit der Aufgabe des Festkurssystems rational gewesen, doch die neoliberale Strukturanpassung erstickte derartige Ansätze im Keim. Gerade China praktizierte bisher eine recht solidarische Wechselkurspolitik. Im Verlauf der Asienkrise 1997/98 mussten mehrere Länder der Region die drastische Abwertung ihrer Währung hinnehmen; zu ihrer Erleichterung aber blieb Chinas Wechselkurs stabil. Das Land nahm einen deutlichen Wettbewerbsnachteil gegenüber seinen gestrauchelten Nachbarn in Kauf, saugte deren Exporte auf und half ihnen dadurch aus der Patsche.

Zudem übt sich die Volksrepublik weit weniger in Protektion als etwa die asiatischen Tiger bei ihrem Sprung auf den Weltmarkt. Seit Anfang der 90er Jahre steigen Binnennachfrage und Importe Chinas kräftig an. Mittlerweile verzeichnet das Land nicht nur bilaterale Handelsdefizite mit vielen seiner asiatischen Nachbarn, sondern auch mit Rohstoffexporteuren in Afrika und Lateinamerika. Auf diese Weise trägt die chinesische Nachfrage zum Wachstum in der Dritten Welt bei.

... Preisschocks für die anderen

Des einen Freud, des andern Leid. Während der Rohstoffhunger Chinas und Indiens vielen Exporteuren zu überdurchschnittlichen Preisen und zur Diversifizierung ihrer Absatzmärkte verhilft, geraten vor allem ölimportierende Entwicklungsländer zunehmend in die Bredouille. In vielen hoch verschuldeten Ländern fressen die höheren Erdölrechnungen längst die bescheidenen Mittel auf, die durch den letzten Teilschuldenerlass der G7 frei werden. Äthiopien etwa rechnete 2006 mit Einsparungen am Schuldendienst von 78 Millionen Dollar, doch die Ölpreissteigerungen sorgten für Mehrkosten von rund 360 Millionen Dollar.

Der Preisauftrieb beschränkt sich nicht nur auf energetische und mineralische Rohstoffe, auch Agrarprodukte verteuern sich beträchtlich. Hierfür sorgt nicht nur die steigende Lebensmittelnachfrage, sondern auch der aktuelle Boom der Biokraftstoffe. Die weltweiten Ausgaben für Nahrungsimporte sind bereits deutlich angestiegen: In diesem Jahr erreichen sie mit 400 Milliarden Dollar ein historisches Hoch. Als hauptsächliche Preistreiber identifiziert die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO jene Getreide- und Ölpflanzen, die bevorzugt in Autotanks landen oder in Kraftwerken verstromt werden: Mais, Weizen, Raps oder Soja.

Entwicklungsländer spüren diesen Trend in besonderer Weise: Allein für die 48 sogenannten Least Developed Countries (LDCs) stiegen die Importrechnungen für Nahrungsmittel seit 2000 bereits um 90%, für Industrieländer hingegen nur um 22%. Höhere Rechnungen bedeuten indes noch keine höheren Importmengen, diese können auch gesunken sein. Die FAO erwartet, dass viele Länder ihre Lebensmitteleinfuhren aufgrund des Preisauftriebs drosseln. All jene, die zugleich unter steigenden Erdölpreisen leiden, seien künftig womöglich gezwungen, ihre Nahrungsimporte zu senken, um den fossilen Energiebedarf zu decken.

Zudem wird die Kopplung von Agrar- und Energiepreisen immer enger. In dem Maße, in dem Mais zu Ethanol oder Soja zu Biodiesel verarbeitet wird, folgt ihr Preis den stark schwankenden Erdölnotierungen. Um die Lebensmittelpreise legt sich eine zusätzliche Schicht der Unsicherheit, die ihre Volatilität erhöht. Die Vereinten Nationen warnen: „Größere Preisvolatilität kann noch schädlicher für die Ernährungssicherheit sein als langfristige Trends, da Bedürftige kurzfristige Preisausschläge für gewöhnlich nicht verkraften können.“

Die jüngsten Entwicklungen in der Weltwirtschaft verdeutlichen daher vor allem eines: Auch wenn die Zentren der Kapitalakkumulation über den Globus wandern mögen, einzelne Gebiete sich mehr oder minder erfolgreich in die internationalen Wertschöpfungketten integrieren, bleibt die Reproduktion von Ungleichheit erhalten. Während die im Westen gefürchteten Aufsteiger sich noch mit einem Platz am unteren Ende der Profitratenhierarchie begnügen müssen, sehen sich die Absteiger nahezu schutzlos den jüngsten Preisschocks ausgeliefert. Nicht zuletzt verschärft das kriselnde fossile Energiesystem existenzielle globale Verteilungskonflikte.