Beitrag in Lunapark 21
Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie
Heft 3, Herbst 2008
Etikettenschwindel: Lulas "goldene Revolution" des Agrosprits
Thomas Fritz
Luiz Inácio ‚Lula’ da Silva sieht eine verleumderische Kampagne am Werk. Es sei „ein Witz“, dem Bioethanol die Verantwortung für die jüngste Inflation der Nahrungsmittelpreise zuzuschieben. Den Teilnehmern der UN-Konferenz über Ernährungssicherheit, Anfang Juni in Rom, erläuterte der brasilianische Präsident, dass die Agrotreibstoffe ganz im Gegenteil dazu beitragen könnten, „viele Länder aus der Ernährungs- und Energie-Unsicherheit zu befreien.“ Brasilien sei dafür ein Beispiel. Hier finde eine „goldene Revolution“ statt, die Land, Sonne und moderne Technologie zu einem „neuen Sicherheitskonzept für die Welt“ verschmelze. „Die Produktion von Ethanol und die Produktion von Lebensmitteln sind Kinder derselben Revolution.“
Voll des Lobes zeigte sich auch Umweltminister Gabriel bei seinem Brasilien-Besuch Ende April. Seine damalige Amtskollegin, Marina Silva, versicherte, dass das Zuckerrohrethanol weder die Regenwälder noch die Nahrungsmittelproduktion gefährde. Gabriel seinerseits verwies auf die Nachhaltigkeitskriterien für den Import von Agrokraftstoffen, die derzeit in der Europäischen Union erarbeitet werden. Die von Brasilien vorgelegten Daten hätten ihm gezeigt, dass das Land diese Anforderungen bereits erfüllt. „Nach dem, was ich gehört habe, können wir am Import festhalten“, so Gabriel.
Dumm nur, dass Marina Silva zwei Wochen später ihren Rücktritt erklärte. Sie begründete diesen Schritt mit „zunehmendem Widerstand“ gegen ihre Umweltpolitik. Mit dem Abgang weckte sie aber auch Zweifel an ihren Beteuerungen, die Agrospritexpansion sei harmlos für Mensch und Natur.
Ihr Rücktritt überschattete am Folgetag auch den Brasilien-Besuch Angela Merkels. Gemeinsam mit Präsident Lula unterzeichnete die Bundeskanzlerin das deutsch-brasilianische Energieabkommen, das eine bilaterale Kooperation im Bereich der erneuerbaren Energien vorsieht. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe wird sich mit den Biokraftstoffen befassen. „Handelsfragen, Normen, ökologische und soziale Zertifizierung“ stehen auf ihrer Agenda. Ferner kommen beide Seiten überein, „den internationalen Handel zu vereinfachen“.
Agrosprit-Bonanza
Indes bezweilen Nichtregierungsorganisationen, dass Brasilien überhaupt in der Lage ist, nachhaltig produzierte Agrokraftstoffe zu exportieren. Würde die Staatsfirma Petrobrás in der Produktionskette des Ethanols allein die nationalen Umwelt- und Arbeitsgesetze respektieren, „dann wäre sie heute nicht einmal in der Lage, den Inlandsmarkt zu bedienen“, meint etwa Lucía Ortiz von der Umweltgruppe Amigos da Terra.
In der Tat erscheint die „goldene Revolution“ weit weniger glänzend als Lula sie darstellt. Die dramatische Expansion des Zuckerrohrs bedroht mittlerweile wertvolle Ökosysteme, verdrängt den Grundnahrungsmittelanbau und gerät in immer stärkeren Konflikt mit der Agrarreform. Hält das derzeitige Wachstumstempo an, könnte sich die Zuckerrohrfläche von derzeit 6,2 Millionen Hektar bereits in zehn Jahren auf 12 Millionen Hektar verdoppeln.
Über die Hälfte der Zuckerrohrernte ist gegenwärtig für die Ethanolproduktion bestimmt. 2007 erzeugte das Land 20 Milliarden Liter des Benzinersatzes. Die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO schätzt, dass die Produktion in zehn Jahren auf 44 Milliarden Liter ansteigt. Zwar dient der Großteil der brasilianischen Ethanolerzeugung noch der Versorgung des Binnenmmarktes, der Exportanteil nimmt jedoch zu.
Gewaltige Investitionen fließen ins Land. 360 Ethanoldestillerien existieren schon, 160 befinden sich im Bau oder in der Planung. Auch deutsche Unternehmen profitieren von dem Boom. Während die Deutsche Bank Wertpapiere des größten brasilianischen Zucker- und Ethanolherstellers, Cosan, an den Börsen platziert, liefert Siemens Prozesstechnologie und Dampfturbinen für Ethanoldestillerien. Newton Duarte, Siemens-Direktor in Brasilien, freut sich über die Agrosprit-Bonanza: „Siemens` Beteiligung wächst exponentiell.“
Stockende Agrarreform
Petrobrás baut eine riesige Ethanolpipeline, die den Bundesstaat Goiás im Landesinneren mit dem Exporthafen von São Sebastião verbindet. Eine zweite Trasse ist geplant, die von Mato Grosso bis zum Hafen von Paranaguá führen soll. Anhand der Streckenführung ist erkennbar, dass die Zuckerrohrplantagen weit über das derzeitige Anbauzentrum im Bundesstaat São Paulo expandieren. Die Monokulturen dringen vor allem in die überaus artenreiche Savannenlandschaft des Cerrado sowie an den Rand des wichtigen Feuchtgebietes Pantanal vor.
Aufgrund indirekter Verdrängungseffekte bleibt auch der Amazonas-Regenwald nicht verschont. Zunehmend verkaufen Rinder- und Sojafarmer im Süden ihr Land an die Zuckerbarone, wandern nach Amazonien ab und beginnen dort mit Rinderzucht und dem Anbau von Futtermitteln. Entsprechend hat die Abholzungsrate in der zweiten Jahreshälfte 2007 wieder zugenommen. Nach den jüngsten Informationen des Raumforschungsinstituts INPE sind zwischen August und Dezember 2007 mehr als 7000 Quadratkilometer Wald verloren gegangen.
Die Agrarreform ist in einigen Regionen praktisch zum Erliegen gekommen. Gezielt pachten Zuckerfabriken Land, das bisher als unproduktiv galt, um es der Agrarreform zu entziehen. Aufgrund der explodierenden Bodenpreise kann die Regierung kaum noch die umstrittenen Landkäufe für die Umverteilung finanzieren. Im Bundesstaat São Paulo stiegen die Bodenpreise zwischen 2001 und 2006 um 113 Prozent. Im Landesdurchschnitt verteuerten sich die Agrarflächen 2007 um 18 Prozent. Trotz höherer Ausgaben für Landkäufe „verfehlte die Regierung wieder ihr selbstgestecktes Ziel der Ansiedlung von 100.000 Familien“, schimpft Plácido Júnior von der Christlichen Landpastorale CPT.
Derweil vermindern sich die Anbauflächen für Grundnahrungsmittel. Zwischen 1990 und 2007 schrumpften die Reisfelder von 4,2 auf 2,9 Millionen Hektar. Als in den ersten Monaten dieses Jahres der Reispreis um 30 Prozent anstieg, sah sich das Landwirtschaftsministerium zur Verhängung eines Exportstopps genötigt. Noch extremer ist die Entwicklung bei Bohnen, deren Anbaufläche gleichfalls sank: Sie verteuerten sich 2007 um 150 Prozent.
Blut und Schweiß
Skandalös sind die Arbeitsbedingungen in den Zuckerrohrplantagen. Noch immer erfolgt die Ernte mehrheitlich manuell, eine körperlich harte und überaus gefährliche Arbeit. Beim Abbrennen der Felder vor der Ernte entweichen toxische Gase, die Atemwegskrankheiten auslösen. Immer wieder geraten die Feuer außer Kontrolle und kosten Arbeitern das Leben. Die Leistungsanforderungen sind in den vergangenen 20 Jahren erheblich angestiegen. Musste ein Arbeiter in den 80er Jahren durchschnittlich 6 Tonnen Zuckerrohr pro Tag ernten, werden ihm heute 12 Tonnen abverlangt.
Folge der Überausbeutung sind Zehntausende von Unfällen. Nach Angaben der brasilianischen Sozialversicherung starben zwischen 2002 und 2005 mehr als 312 Zuckerrohrschneider bei der Arbeit, rund 83.000 erlitten Unfälle. Die Mitarbeiterin des Forschungsinstituts Fundacentro, Maria Cristina Gonzaga, formuliert es drastisch: „Zucker und Alkohol in Brasilien sind in Blut und Schweiß gebadet.“ Auch Sklavenarbeit ist noch immer verbreitet: Allein im vergangenen Jahr befreiten die Inspektoren des Arbeitsministeriums 3.117 Sklaven aus den Händen der Zuckerbarone.
Präsident Lula gibt sich mitfühlend: „Ich gebe zu, dass die Arbeit des Zuckerrohrschneidens sehr hart ist“. Und er fügt hinzu: „Aber sie ist nicht härter als die Arbeit in den Kohleminen, die die Grundlage der Entwicklung vieler europäischer Länder war.“ Im Klartext lautet die Botschaft des einstigen Gewerkschaftsführers: Die Überausbeutung ist der Preis, den die Zuckerrohrschneider für die Entwicklung Brasiliens zahlen müssen.
Implizit geben ihm die europäischen Politiker recht: Die Entwürfe für das deutsche und das europäische Zertifizierungssystem für Agrosprit kennen keinerlei Sozialstandards. Ebenso ignorieren sie die Verdrängungseffekte und die Risiken für die Ernährungssicherheit. Die Zertifizierung wird so zum Etikettenschwindel.